Finnlands Verhältnis zu Russland

ZOiS Spotlight 34/2017 von Markku Kivinen (06.12.2017)

Am 4. Dezember 1917 erklärte der finnische Senat die Unabhängigkeit Finnlands, die am 6. Dezember 1917 vom Parlament bestätigt wurde. © Wikimedia Commons

Finnland ist ein kleines Land, das in einer Region seinen eigenen Weg finden muss, in der die Großmächte, und zwar traditionell Russland und Deutschland, die Hauptrolle spielten. In dieser Hinsicht steht Finnland in einer Reihe mit den Ländern und Staaten Mittel- und Osteuropas und des Baltikums. Der finnische Staat hatte sich im Verband des Russischen Kaiserreichs bis Ende des 19. Jahrhunderts friedlich und ohne größere Auseinandersetzungen entwickelt. Als die Spannungen zwischen Russland einerseits sowie Deutschland und Österreich-Ungarn andererseits zunahmen, begann im Russischen Kaiserreich ein Russifizierungsprozess, der auf finnischen Widerstand stieß und nach der Russischen Revolution zur Unabhängigkeit Finnlands führte. Deutschland spielte im Finnischen Bürgerkrieg von 1918 eine gewichtige Rolle; die Finnen wählten sogar einen Prinzen aus Hessen zu ihrem König. Das war nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg jedoch zum Scheitern verurteilt.

Während des Zweiten Weltkrieges musste Finnland zuerst den blutigen Winterkrieg gegen die Sowjetunion führen und schloss sich dann Deutschlands „Unternehmen Barbarossa“, dem Überfall auf die Sowjetunion, an. Zum Ende des Krieges zwangen die Alliierten Finnland dazu, seine Waffen gegen die deutschen Kriegspartner zu richten. Finnland, das nie von sowjetischen Truppen besetzt wurde, hatte den Krieg ohnehin verloren: Es verlor einen großen Teil Kareliens und hatte der Sowjetunion erhebliche Kriegsreparationen zu leisten. Finnland musste insgesamt ein Zehntel seines Territoriums abtreten. Die Bevölkerung dieser Gebiete zählte 410.000 Menschen, die nun in anderen Teilen Finnlands untergebracht werden mussten.

Vertrauen im Osten aufbauen, Integration in den Westen

Finnland musste mit diesen Realitäten leben lernen. Diese Umstände schufen die Grundlage für eine neue Außenpolitik, die als Paasikivi-Kekkonen-Doktrin bekannt wurde und auf das Überleben Finnlands als unabhängiger Nachbarstaat der UdSSR abzielte. Der in der Bundesrepublik Deutschland geprägte Begriff „Finnlandisierung“ beschreibt diese Reaktion auf die Gefahr eines übermäßigen sowjetischen Einflusses. Allerdings hat sich Finnland der Sowjetunion gegenüber dabei nie unterwürfig verhalten, nicht einmal zu Stalins Zeiten. Die finnische Politik zielte darauf ab, im Osten Vertrauen aufzubauen, um im Westen Spielräume zu gewinnen. Schritt für Schritt integrierte sich Finnland in eben dieser Richtung. 1955 wurde das Land Mitglied der Vereinten Nationen, 1960 folgte der Beitritt zur Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) sowie ein Jahrzehnt später ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG. Da die die Beziehungen Finnlands zur Sowjetunion für letztere wirtschaftlich nutzbringend waren, konnten die Voraussetzungen für einen Osthandel geschaffen und Spannungen in den finnischen Außenbeziehungen vermieden werden.

Aus Sicht der baltischen Länder oder der Länder Mittel- und Osteuropas ist die Nachkriegsgeschichte Finnlands ein unglaublicher Erfolg gewesen. Es hat in Finnland seit 70 Jahren keinerlei politisch motivierte Attentate gegeben. Ebenso wenig gab es Terroranschläge, politische Prozesse, Verfolgung durch die Geheimpolizei, politische Gefangene oder Beschränkungen der Meinungsfreiheit. Sowohl die Konservativen wie auch die Kommunisten haben in der Regierung ihre Rolle gespielt. Gleichzeitig hat sich die Wirtschaft ungeachtet aller Verschiebungen mit vollem Tempo entwickelt. Finnland ist jetzt wohlhabend und neben Schweden, Österreich und Irland einer der „blockfreien“ Staaten in Europa.

Nach dem Krieg ging die größte Bedrohung der finnischen Unabhängigkeit von dem sowjetischen Militärstützpunkt aus, der auf der Halbinsel Porkkala, in Schussweite zur Hauptstadt Helsinki errichtet worden war. 1956 hatte die Sowjetunion diese Militärbasis dann recht überraschend wieder aufgegeben und ihre Streitkräfte vom finnischen Territorium abgezogen. Die Rückgabe von Porkkala ließ in Finnland gewisse Hoffnungen aufkommen, dass eines Tages auch der zuvor finnische Teil von Karelien wieder angegliedert werden könnte. Urho Kekkonen, der nach Juho Kusti Paasikivi 25 Jahre lang Präsident Finnlands war (1956-1981), hat mehrere Anläufe in diese Richtung unternommen.

Finnland im Rahmen einer neuen Sicherheitsarchitektur

Die politische Bühne in Finnland wird weiterhin von außenpolitischen Fragen dominiert. Seit der Unabhängigkeit ist Neutralität ein Kernelement finnischer Außenpolitik. Im Zentrum stand dabei das Bestreben, außerhalb der Interessenskonflikte der Supermächte zu verbleiben.

Das Ende des Kalten Krieges bedeutete keineswegs, dass auch diese Konflikte verschwunden wären. Die ideologische Konfrontation der zwei großen Lager war beendet, doch standen sich weiterhin die strategischen Atomwaffen der Vereinigten Staaten und Russlands gegenüber. Die entscheidende Veränderung besteht eher darin, dass nun ein gegenseitiges Übereinkommen über die jeweiligen Interessenssphären der Supermächte fehlte. Ein wiedererstarkendes Russland betrachtet den postsowjetischen Raum als „nahes Ausland“, in dem es über besondere Interessen verfügt. Gleichzeitig wurde die NATO bis auf das Gebiet des ehemaligen Warschauer Vertrags und des Baltikums erweitert, also auch auf postsowjetisches Territorium. Darüber hinaus versucht Russland, mit Hilfe Chinas Gegengewichte zur NATO aufzubauen.

Eine Sicherheitsarchitektur nach dem Ende des Kalten Krieges ist erst noch im Entstehen begriffen. Die Welt nach dem Kalten Krieg steckt voller Integrationsbestrebungen und neuer Arten wechselseitiger Abhängigkeit. Allerdings wäre es insbesondere nach den Kriegen in Georgien und der Ukraine unrealistisch anzunehmen, dass es zwischen den Supermächten keine Interessenskonflikte mehr geben könnte. Finnland mit seiner Grenze zu Russland hat es mit einem Staat zu tun, der sich in seiner Militärdoktrin auf Atomwaffen stützt. Für Finnland und Schweden besteht die wirkliche Bedrohung nicht – wie etwa für das Baltikum – in einer möglichen Besetzung. Die Gefahr ist viel ernster: Sie besteht darin, in der Anfangsphase eines großen militärischen Konflikts in Europa ausgelöscht zu werden. Das ist der Grund, warum es aus finnischer Sicht eine zentrale europäische Aufgabe ist, für ein friedliches Russland zu sorgen. Für Finnland ist die NATO kein Feind, aber es kann sich andererseits auch nicht leisten, Russland zum Feind zu haben.

In Wirklichkeit fehlt es der Europäischen Union mit Blick auf Russland an Macht. Das Integrationsspiel zwischen der EU und der Eurasischen Wirtschaftsunion hat sich in der Ukraine zu einem Spiel um Interessenssphären gewandelt. Sogar in der Ostseeregion entwickelt sich jetzt ein klassisches sicherheitspolitisches Dilemma. Aus finnischer Sicht hat die Stärke der EU stets in der Pluralität der Außenpolitiken innerhalb der Union bestanden. Hierhin gehörte sowohl die deutsche Ostpolitik wie auch der pragmatische und nichtmilitärische Ansatz Finnlands. Es verfügt über eine reiche Erfahrung, wenn es darum geht, Risiken zu vermeiden, gemeinsame Interessen auszuloten sowie positive wirtschaftliche Verflechtungen zu fördern. Langfristig wird Finnland es sich nicht erlauben können, dieses Erbe aufzugeben.


Prof. Dr. Markku Kivinen ist Direktor des Aleksanteri-Instituts, des Finnischen Zentrums für Russland- und Osteuropastudien an der Universität Helsinki.