Spotlight on Ukraine 15

Wissenslücken über die Ukraine schließen

Von Nataliia Otrishchenko 02.04.2025

Drei Jahre nach Beginn der umfassenden Invasion Russlands in die Ukraine folgt das Wissen über Osteuropa immer noch überwiegend Vorkriegsmustern. Es ist an der Zeit, die Erforschung der Region zu überdenken. Dazu müssen auch Machtstrukturen überprüft und neue Verbindungen geschaffen werden.

Ukrainische Flagge in Kyjiw. IMAGO / Ukrinform

„Ohne Starlink würden die ukrainischen Leitungen zusammenbrechen“, postete Elon Musk am 9. März 2025 auf Twitter. Und tatsächlich spielt die internetbasierte Infrastruktur eine wichtige Rolle in der modernen Kriegsführung. Doch Musk übersieht, wie viele andere auch, die Handlungsfähigkeit der ukrainischen Gesellschaft und fördert den Mythos von der Machtlosigkeit der Ukraine. Das Wissen über die Ukraine – und die gesamte Region – ist voller Lücken und Vorurteile.

Was kann dagegen getan werden? Einige Antworten geben eine Reihe von 20 Interviews mit Wissenschaftler*innen, die persönliche oder berufliche Verbindungen zur Ukraine haben. Sie vertreten verschiedene Fachrichtungen – Geschichte, Anthropologie, Soziologie, Wirtschaft und Politikwissenschaft – und arbeiten in akademischen Einrichtungen in Europa, Nordamerika und Australien. Die Forscher*innen waren sich einig, dass es zwar inzwischen mehr akademische Programme und damit mehr Sichtbarkeit für ukrainische Wissenschaftler*innen gibt, die alten Strukturen aber weiterhin bestehen bleiben.

Die Unsichtbarkeit der Ukraine überwinden

Viele Jahre lang blickten Abteilungen und Programme, die sich mit Osteuropa befassten, oft wenig sensibel auf das Leben außerhalb der imperialen Zentren des Russischen Reiches und der Sowjetunion. Diese Perspektiven marginalisierten die Ukraine und die sozialen und kulturellen Realitäten in der Region. Beim Versuch, die Unsichtbarkeit der Ukraine zu erklären, bezogen sich die befragten Wissenschaftler*innen daher auf die Sprache der Entkolonialisierung und auf Ideen der epistemischen Ungerechtigkeit zurück. Auch die Lehrpläne spiegeln diese Unsichtbarkeit wider: Laut einer Studie aus dem Jahr 2022 erwähnen deutsche Schulbücher für den Geschichtsunterricht die Ukraine als Staat nur selten, sondern beziehen sich auf sie als Gebiet und auf Ukrainer*innen als eine Bevölkerung jenseits von Staatsgrenzen.

Um solche Ansichten zu überwinden, ist systematische Arbeit auf verschiedenen Ebenen erforderlich, beginnend mit der Grundbildung. Die befragten Wissenschaftler*innen schlugen vor, die Ressourcen, die das Wissen der Schüler*innen über die Region bilden, kritisch zu überprüfen – von Sprachkursen über literarische Kanons bis hin zu Archivmaterial. Das Beispiel der Ukraine zeigt, dass die Geschichte Osteuropas auf eine Weise vermittelt werden sollte, die imperiale Abhängigkeiten und die komplexen Beziehungen zwischen Völkern und Staaten berücksichtigt.

Jenseits von Resilienz und Verletzlichkeit

Forschung zur Ukraine bedeutet heute oft Forschung zum Krieg. Dieser enge Blickwinkel schränkt jedoch den Raum für andere Themen ein. Forscher*innen laufen außerdem Gefahr, in bestimmten Denkmustern gefangen zu sein. Eines davon hebt zu sehr auf das Konzept der Resilienz ab und die Fähigkeit der Ukrainer*innen, jedes Hindernis zu überwinden. Ein anderes konzentriert sich ausschließlich auf Verletzlichkeit und Trauma. Jeder dieser Forschungsansätze erfasst nur einen Teil der Realität, denn das menschliche und politische Leben in Kriegszeiten vereint beide Dimensionen.

Darüber hinaus ist die Terminologie, die Wissenschaftler*innen zur Erforschung der Region verwenden, nicht nur eine Folge disziplinärer Traditionen, sondern spiegelt auch Werte wider. Die Soziologinnen Viktoriya Sereda und Oksana Mikheieva haben gezeigt, dass die von Forscher*innen – und den Medien – verwendeten Konzepte einen großen Einfluss darauf haben, wie Menschen die Realität von Krieg und bewaffneten Konflikten wahrnehmen. Daher ist es unerlässlich, bei der Wahl der Sprache sensibel zu sein, sowohl bei der Planung von Forschungsmethoden als auch bei der Kommunikation der Ergebnisse.

Von schnellen Reaktionen zu langfristigem Engagement

Die großangelegte russische Invasion in der Ukraine löste in der Wissenschaft viele schnelle Reaktionen aus, von der Finanzierung neuer Stipendien bis hin zu neuen Forschungsbereichen, wie zum Beispiel zur Migration oder zur digitalen Kriegsführung. Diese ersten Reaktionen basierten größtenteils auf Solidarität und Mitgefühl. Im Laufe der Zeit haben sich jedoch auch neue Trends – und Risiken – herausgebildet, etwa das Ausnutzen des Krieges, um Fördermittel zu erhalten, indem die Ukraine ohne jegliche Rechtfertigung oder Fachwissen in vergleichende Fallstudien einbezogen wird.

Um das Wissen über die Region zu erweitern, ist es wichtig, von diesen kurzfristigen Reaktionen wegzukommen und strategisch zu planen. Dazu müssen institutionelle Strukturen umgestaltet und thematisch neu ausgerichtet werden. Durch persönliche Kontakte konnten bereits neue Netzwerke geschaffen oder bestehende gestärkt werden, wie zum Beispiel die RUTA Association for Central, South-Eastern, and Eastern European, Baltic, Caucasus, Central and Northern Asian Studies in Global Conversation, das Norwegian Network for Research on Ukraine (Ukrainett) und Prisma Ukraïna.

Auch durch die Entschlossenheit mancher Wissenschaftler*innen, nachhaltige Finanzierungsmöglichkeiten zu finden, sind neue Stellen, Programme und Institutionen mit Schwerpunkt Ukraine entstanden. Die deutsche akademische Landschaft ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat Forschungszentren in Viadrina und Regensburg finanziert, während das Wissenschaftskolleg zu Berlin mit Unterstützung der VolkswagenStiftung das Institute for Advanced Study for Ukraine ins Leben gerufen hat. All diesen Initiativen gingen große Anstrengungen voraus, und es wird einige Zeit dauern, bis sie ihre Wirkung entfalten.

Wissenschaftler*innen, die sich mit der Ukraine befassen, stehen vor den gleichen Herausforderungen wie ihre Kolleg*innen in anderen Bereichen: fehlende Mittel für die Geistes- und Sozialwissenschaften, prekäre Arbeitsverhältnisse und Stress. Gleichzeitig wurde ihr Fachgebiet lange Zeit marginalisiert und leidet nun unter den Folgen des Krieges. Ihr Beispiel erinnert daran, dass Wissen das Leben derer, die es verstehen helfen soll, direkt beeinflusst.


Dr. Nataliia Otrishchenko ist Fellow im Ukraine Research Network@ZOiS, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird, und arbeitet dort am Projekt „Gaining Epistemic Authority: Ukrainian Scholars in Global Academia“.